Die Reise des Wassertröpfchens Blubb

 

» Ein kleiner Wassertropfen erfährt auf seiner Reise viel über das Wesen des Lebens, die Eigenarten der Menschen und sich selbst. Was kannst du von ihm lernen? «

Es war heiß oben im Gebirge. Sogar das Quellwasser stand kurz vorm Verdampfen. Da entsprang einem Wassertröpfchen die Idee, in die Rinnen seiner Vorfahren zu fließen. Dieses Wassertröpfchen heißt Blubb. Von ihm und seiner Reise handelt diese Geschichte. Bereit für ein Abenteuer?

„Hier bleiben könnte ich nur, wenn ich vom Weg abkomme. Doch was geschieht dann mit mir? Verdampfe ich? Versickere ich? Schleckt mich jemand auf?“ Mit keiner dieser Vorstellungen kann Blubb sich anfreunden. Von nun an hat er Größeres vor. Er kennt von klein auf seine Bestimmung. Jeder seiner Spezies hat dieselbe. Sie lautet: Ich will ankommen! Und zwar im Ozean. Das ist seine Mission. Heute will er aufbrechen. Seinen Sinn des Lebens kennt er: fließen. Fließen, um anzukommen. Nicht mehr und nicht weniger. Eigentlich ganz schön viel.

Und so springt er hinab über den Felsen, klatscht einige Mal auf, wirbelt umher, trifft in der Luft viele Gleichgesinnte, landet schließlich in einem Bächlein – mehr ein Rinnsal als ein Gewässer – und taucht ein. Ein Zurück gibt es jetzt nicht mehr. Mit zunehmender Geschwindigkeit nicht einmal ein Abkommen vom Weg.

„Achtung, Wasserflasche!!!“, rufen einige weiter vorne. Tatsächlich. Menschen stehen erschöpft herum. Einer sogar mit schmutzigen Stiefeln mitten im schönen Rinnsal, rundherum sprudelt es. In der Hand hält der Mann eine Flasche, die Öffnung bedrohlich in ihre Richtung geschwenkt. „Was tun die da?“, ruft Blubb den anderen zu.

„Weißt du das nicht? Wir sind Durstlöscher. Mehr noch – wir sind überlebensnotwendig für die Menschen.“

„Überlebensnotwendig? Das heißt, wir retten Leben?“

„Ja, manchmal auch das.“

„Was passiert mit denen, die in die Flasche geraten?“

„Keine Sorge, wir treffen sie in ein paar Tagen wieder.“

„Aha, wo sind sie bis dahin?“

„Das willst du nicht wissen.“

Blubb schafft es an der Öffnung vorbei und denkt nach. „Durst löschen, Leben retten?“ Das geht ihm nicht mehr aus dem Sinn. Gibt es vielleicht doch mehr Sinn in seinem Leben? Soll er nicht nur fließen, soll er auch etwas aus seinen Fähigkeiten machen? Immerhin kann er etwas, das für andere von großer Bedeutung ist. Etwas, das ihm in die Wiege gelegt wurde. Er kann Menschen am Leben erhalten. WOW! „Wenn ich so viel für Menschen tun kann, was können dann erst Menschen füreinander tun? Wissen sie es überhaupt? Gibt es denn etwas Besonderes bei jedem Menschen?“ Davon ist er überzeugt und sinniert: „Wer existiert, muss eine besondere Fähigkeit haben, sonst würde es ihn nicht geben. So wie auch ich nicht existieren würde, wenn ich nicht für das Leben etwas Wichtiges leisten könnte. Woran könnte es liegen, dass so viele nicht ihren Möglichkeiten folgen?“ Eine spätere Begegnung soll Klarheit bringen.

Das Rinnsal wird breiter. Kleine Bächlein kommen unterwegs hinzu. Und irgendwann ist es ein Bach voller Leben, Lebendigkeit und mit einem gemeinsamen Ziel: der Ozean. Das nächste Etappenziel heißt Fluss. Wer es bis dahin schafft, hat viele Hürden bereits umspült. Doch der Fluss gilt als schwierigste Etappe. Wegen der unglaublichen Distanz und der vielen Gefahren. Blubb ist stolz auf seine Vorfahren. Tausende von Jahren haben sie einen Weg gesucht, um zum Ozean zu gelangen. Tausende von Jahren mussten sie Umwege machen, geradewegs zum Ziel zu kommen, klappte kaum irgendwo, immer gab es Hindernisse. Andererseits: Ein paar Tausend Jahre sind im Verhältnis zur Lebensdauer eines Flusses eine relativ kurze Zeit. Sich auf Hindernisse einzulassen und Umwege miteinzukalkulieren, könnte also eine Strategie sein, um schnell vorwärtszukommen. Wer per Luftlinie ans Ziel will, wird beim ersten Hindernis aufgeben und dort warten, bis das Hindernis verschwindet. Das kann ziemlich lange dauern.

„Nichts und niemand kann diesen Fluss stoppen und mittendrin bin ich“, freut sich Blubb. Doch was ist das da vorne? Es scheint, als ob der Fluss ins Stocken gerät. Und plötzlich kommt er ganz zum Stehen. Blubb fragt sich, wie das sein kann, wo sie doch alles umspülen können. Ein anderer Tropfen wendet sich ihm zu. Er sieht alt und weise aus, mit seinem weißen Schaum. Fast so, als ob er seine Gedanken lesen konnte, erklärt er: „Blubb, du hast Recht, wir können alles umspülen, haben uns immer unseren Weg gebannt. Nicht aber, wenn der Mensch ins Spiel kommt. Denn zwei Sachen kann er besonders gut. Erstens: sich selbst im Weg stehen. Und zweitens: uns im Weg stehen.“

Irgendwann wird der Weg wieder freigegeben und mit voller Wucht und Energie wird Blubb nach vorne katapultiert. „Endlich wieder in Bewegung“, ruft er zu dem Tropfen mit dem weißen Schaum.

Blubb will jetzt mehr wissen über die Menschen. Der Weise erzählt ihm, dass er die Menschen in- und auswendig kennt. Immerhin hat er sie auch schon des Öfteren von innen gesehen. Er kennt sie also. Weiß auch, wie sie denken und fühlen. „Die Menschen“, sagt er, „wollen vorwärtskommen.“ Er fährt fort: „Wir nutzen dafür die Erdanziehungskraft. Wir können es also gar nicht verhindern, dass wir zu unserem großen Ziel gezogen werden.“

„Dann haben wir ja einen unglaublichen Vorteil! Kein Wunder, dass sich die Menschen so oft selbst im Weg stehen, so ganz auf sich alleine gestellt, ohne Unterstützung der Natur, ohne Erdanziehungskraft“, sprudelt es aus Blubb hervor.

„Ganz so einfach ist es nicht, lieber Blubb. Der Mensch hat etwas, das mindestens genauso stark wirkt wie die Erdanziehungskraft. Nämlich seine Vorstellungskraft! Diese ist nur dem Menschen vorbehalten. Allerdings mit der Bedingung, dass er sie selbst bedient, dass er selbst entscheidet, in welche Richtung er gezogen werden möchte.“

„Aha, dann hat ja der Mensch einen Vorteil!“, ruft Blubb. „So ist es“, sagt der Weise. „Jedoch nutzen viele Menschen diese Fähigkeit  zu ihrem Nachteil. Eine Staumauer ist da noch das geringere Übel. Wenn sie Mauern um sich herum errichten und dadurch keine Möglichkeiten und Ziele mehr in der Ferne erkennen können, dann hilft ihnen ihre Vorstellungskraft nichts. Dann werden sie nie irgendwo ankommen.“

„Ankommen“, wiederholt ihn Blubb seufzend. Denn nun sind sie schon einige Zeit unterwegs und er sehnt sich nach dem Ende seiner Reise. Der Weise muss schmunzeln. „Welches Ende?“, fragt er Blubb. „Du denkst schon wie die Menschen. Sie haben auch oft das Gefühl, in einem reißenden Fluss zu leben, und sehnen sich nach einer Art Ozean. Mehr Ruhe, Tiefe und Weisheit wollen sie dort finden. Endlich ankommen wollen sie. Doch gibt es das nur in unserer Fantasie.“ Blubb hakte nach: „Warum sagst du in unserer Fantasie? Wir kommen doch wirklich an.“ Der Weise antwortet: „Ja, wir erreichen den Ozean, irgendwann. Doch ist es dort wirklich so ruhig? Er dehnt sich aus, zieht sich wieder zusammen, wie ein schweres Ein- und Ausatmen eines alten Menschen. Und die fiese Atmosphäre macht einem auch ganz schön zu schaffen. Wenn du Pech hast, zieht sie dich nach oben und du landest als Regentropfen wieder im Gebirge.“ „Wirklich? Das gibt’s doch gar nicht!“, empört sich Blubb. Und der Weise guckt ihn zornig an: „Warum denkst du wohl, haben wir uns unterwegs getroffen?“

Dies sollte nicht die letzte Reise für Blubb gewesen sein. Es folgten noch viele und immer wieder gelangte er zu der Erkenntnis, dass jedes Ende doch nur ein neuer Anfang ist. Und das Leben spannend bleibt.

 

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