Dem Ärger die Macht nehmen

Unsere Gedanken haben einen sehr starken Einfluss auf unsere Gefühle.

Ein Segeltörn im Mittelmeer zu machen ist für den einen beispielsweise der perfekte Urlaub. Ein Anderer kann den gleichen Segeltörn aber total furchtbar finden, weil er Angst vor Wasser hat und nicht gerne Boot fährt. Unsere eigene Bewertung bestimmt also darüber, wie wir in dieser Situation fühlen. Wenn man also eine Situation bewertet, hat das direkte Konsequenzen auf unsere Gefühlswelt.

Man kann aber lernen, mit belastenden Gefühlen besser umzugehen. Es gibt dafür eine sehr hilfreiche Methode, die relativ einfach zu erlernen ist. Diese Methode heißt „The Work“ und wurde von der Amerikanerin Byron Katie entwickelt. Genaueres zu The Work haben wir hier bereits geschrieben. Und heute wollen wir Ihnen in Form eines Interviews mal zeigen, wie das ganz konkret funktioniert. In dem Interview geht es um eine Situation, die bei mir selbst immer wieder ein Gefühl des Ärgers auslöst. Nicole führt mich als Interviewerin durch den Prozess hindurch. Das Interview haben wir übrigens schriftlich in einem Chat geführt.

Falls Sie schon ein wenig Erfahrung mit The Work haben sollten, fällt Ihnen vielleicht auf, dass der Ablauf im Interview etwas kürzer ist. Das ist so gewollt, denn zum einen möchten wir hier nur einen kleinen Eindruck vermitteln, wie so ein The Work – Interview aussehen könnte, und zum anderen reichen manchmal auch schon ein paar wenige Fragen aus, um etwas zu verändern, wie Sie gleich lesen werden.

————

Nicole: Okay Mathias, bitte entscheide Dich zuerst einmal für eine Situation, die Dich frustet oder irgendwie belastet.

Mathias: Ja, da weiß ich etwas: Ständig werden unsere Parkplätze von unterschiedlichen Fremdparkern zugeparkt.

Okay, welchen Gedanken hast Du in der Situation?

Wieder so ein rücksichtsloser Fremdparker …

Okay. Wenn Du siehst, dass jemand auf unseren Parkplätzen parkt, denkst du: “Wieder so ein rücksichtsloser Fremdparker”.

Ja, das nervt total! Die sollen sich einen ordentlichen Parkplatz suchen!

Okay, dann gucken wir uns den Satz mal an: „Wieder so ein rücksichtsloser Fremdparker …“.
Ist das wirklich wahr, was in diesem Satz steht?

Hmm, ja, das ist schon wahr. Unsere Parkplatzschilder sind ja gut zu lesen, also kann man nicht davon ausgehen, dass derjenige sie nicht gesehen hat und es aus Versehen” macht. Und nur weil da gerade ein Parkplatz frei ist, heißt das ja nicht, dass man den dann einfach zuparken darf.

Der Satz ist also wahr?

Ja.

Okay, dann gucken wir uns die nächste Frage an.
Wie reagierst Du, wenn Du denkst: „Wieder so ein rücksichtsloser Fremdparker“?

Ich ärgere mich darüber, dass Leute so rücksichtslos sind. Und ich fühle mich angegriffen, weil ich denke, dass derjenige respektlos ist. Am liebsten würde ich demjenigen dann mal einen „netten“ Zettel ans Auto machen …

Klingt nicht so, als würde sich das gut anfühlen.

Das stimmt.

Okay, Du ärgerst Dich, fühlst diDch angegriffen und möchtest dem Fremdparker einen Zettel ans Auto machen. Schauen wir uns die nächste Frage an …

Ja.

Gibt es einen Grund, diesen Gedanken „Wieder so ein rücksichtsloser Fremdparker” loszulassen?

Hmm, ja schon. Mit meinem Gedanken ändere ich ja nichts an der Situation, dass jemand da einfach so parkt. Und selbst wenn ich jemandem mal einen solchen Zettel ans Auto machen sollte, wird das vermutlich auch in Zukunft nichts daran ändern, dass Andere dort fremdparken. Also eigentlich ändert mein Ärger nichts.

Und das könnte ein Grund sein, diesen Gedanken loszulassen, ja?

Ja, ich denke schon, weil ich an der Situation eh nichts ändern kann. Dann kann ich ja auch gleich gelassener sein und mir den Ärger ersparen.

Ja, aber bitte versuch jetzt nicht, den Gedanken loszulassen. Es reicht völlig, sich die Frage nur zu beantworten und zu erkennen, dass es einen Grund gibt, den Gedanken loszulassen. Okay?

Ja, okay. Also mein Grund den Gedanken loszulassen, würde einfach lauten: Mein Gedanke ändert eh nichts. Der Ärger ist also eigentlich überflüssig.

Die nächste Frage geht in die gleiche Richtung, fragt nur von der anderen Seite aus. Gibt es einen Grund, der Dich nicht irgendwie stresst, an dem Gedanken Wieder so ein rücksichtsloser Fremdparker” festzuhalten? Gibt es also einen Grund der keinen Stress verursacht, den Gedanken weiterhin zu denken?

Nein. Wenn ich das denke bin ich eigentlich immer gestresst. Der Gedanke dahinter, dass ich diese Rücksichtslosigkeit doof finde, stresst mich immer. Es gibt also keinen Grund, der nicht stresst.

Oder ich formuliere es noch mal so: Mein Hauptpunkt, daran festzuhalten, ist ja Eigentlich sollte ich diese Rücksichtslosigkeit nicht einfach so durchgehen lassen”. Aber wenn ich darüber nachdenke, was das alles für Konsequenzen hätte, wenn ich wirklich aktiv dagegen vorgehen würde, dann sehe ich nur Stress.

Also, sowohl der Gedanke an sich bedeutet Stress als auch die möglichen Konsequenzen für Dein Verhalten? Das klingt nach Stress auf der ganzen Linie.

Ja, das kann man wohl so sagen. Mein einziger Grund, warum ich denke Wieder so ein rücksichtsloser Fremdparker”, ist ja, dass ich das nicht gutheiße und denke, man sollte das nicht einfach so durchgehen lassen. Das heißt, der einzige wichtige Grund dafür, diesen Gedanken festzuhalten, verursacht bei mir eine Menge Stress.

Das ist eine wichtige Erkenntnis. Es gibt also keinen stressfreien Grund, an dem Gedanken festzuhalten. Dann gehen wir weiter zur nächsten Frage, okay?

Ja.

Wer wärst Du ohne den Gedanken? Stell Dir vor, wie Du im Büro sitzt und nach unten auf die Parkplätze schaust. Und dort steht so ein Fremdparker. Und Du würdest den Gedanken: „Wieder so ein rücksichtsloser Fremdparker” nicht denken …

Ich wäre viel gelassener ohne diesen Gedanken. Und ich würde mich sicherlich auch weniger spießig” fühlen. Auf der anderen Seite wäre ich aber auch jemand, der das mit sich machen lässt.

Du wärest also einerseits gelassener und gefühlt weniger spießig. Aber Du würdest auch denken, Du wärst jemand, der das mit sich machen lässt.

Genau.

Dieses „gelassener“ klingt, als würdest Du Dich ganz gut damit fühlen, richtig?

Ja, es wäre eigentlich ganz angenehm, wenn man so eine kleine Sache nicht gleich als Angriff verstehen würde.

Und dieses andere: Du wärst jemand, der das mit sich machen lässt, klingt so, als wäre es etwas unangenehm, sehe ich das richtig?

Ja, weil ich dann jemand wäre, der nicht für seine Rechte und seine Grenzen einsteht.

Hmm, könnte das dann vielleicht ein Thema für einen neuen Durchgang sein?

Ja, vielleicht.

Das ist toll, weil Du so immer mehr Frust loswerden kannst. Aber jetzt sind wir mit den ersten drei Schritten zu diesem Gedanken schon durch. Jetzt kommt erstmal nur noch ein Fazit. Das ist wichtig, weil Du dann auch beim nächsten Fremdparker gleich präsenter hast, was Du hier gedacht hast.

Okay, das klingt logisch.

Wenn du jetzt auf die Fragen zurück schaust, die Du Dir vorhin selbst beantwortet hast… Was war Dir am wichtigsten, was möchtest Du für ein Fazit kurz festhalten, um es später schnell wieder erinnern zu können?

Also, ich fühle mich offenbar angegriffen, wenn Leute rücksichtslos sind. Aber mein Gedanke Wieder so ein rücksichtsloser Fremdparker” ändert nichts an der Situation und wird auch in Zukunft daran nichts ändern, dass Leute hier fremdparken. Weil der Gedanke also nichts ändert, ist er eigentlich überflüssig. Es gibt keinen stressfreien Grund, daran festzuhalten.
Ich wäre gelassener und würde mich nicht so spießig fühlen, wenn ich den Gedanken nicht mehr denken würde. Ich würde es aber irgendwie als etwas feige empfinden, gar nicht zu reagieren.

Diese Gefühle sind gute Ansatzpunkte für noch einen weiteren Durchgang mit dieser Methode.
Okay, danke Mathias für das Interview.

Gerne doch 😉

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In diesem Interview sind wir zusammen die ersten drei Schritte dieser Methode durchgegangen. Und ich muss sagen, ich habe einige wichtige Erkenntnisse über mein Denken in dieser Situation gewonnen. Vielleicht konnten Sie ja rauslesen, wie sehr mich diese Situation manchmal ärgert … Aber: Mein Ärger bringt mir eigentlich nichts. Eine weitere wichtige Erkenntnis für mich: Wenn ich jetzt anfangen würde, jedem Fremdparker einen Zettel ans Auto zu machen, würde das vermutlich auch nichts an der Situation ändern.

Durch die Arbeit mit dieser Methode hat sich mein Denken über die Parkplatzsituation inzwischen schon ein bisschen verändert. Wenn ich meine Gedanken noch ein paar mal mehr mit diesen drei Schritten bearbeite, kann ich meine ärgerlichen Gedanken zu dieser Situation sogar noch weiter verringern. Und das Schöne daran ist: Wirklich großen Aufwand kostet mich das nicht. Wichtig ist, dass ich diese drei Schritte auch wirklich regelmäßig auf meinen Ärger anwende. Und ich mache das in vielen Situationen schon systematisch, weil ich gemerkt habe, dass mir die Methode hilft.

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Noch ein kleiner Nachtrag von unserer Seite zu einzelnen Kommentaren:

Ja richtig, man kann natürlich einiges tun, damit der Parkplatz nicht mehr so zugeparkt wird (wobei das ja auch immer unterschiedliche Fremdparker sind). Bei dieser Methode geht es aber vor allem darum mit seinen Gefühlen besser zurecht zu kommen und sich selbst emotional ein wenig runterzufahren, damit man wieder handlungsfähig ist. In diesem Falle: Nicht wutentbrannt einen Streit mit Nachbarn vom Zaun zu brechen, sondern sich so beruhigen, dass ein konstruktives Gespräch möglich ist. 😉

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