Älter wird man von allein. Erwachsen nicht immer

 

In der Einleitung dieses Portals wird die Frage beantwortet: Worum geht es hier bei „Zeit zu leben“ eigentlich? Es geht darum, „Das Leben in die Hand zu nehmen“. Definiert wird das folgendermaßen:

Das Leben in die Hand zu nehmen bedeutet für uns, dass man:

  • als Mensch wächst,
  • ein Werte-orientiertes und sinnvolles Leben führt,
  • sich selbst immer weiter und besser kennenlernt,
  • die Opferrolle hinter sich lässt,
  • Verantwortung für sich und seine Umwelt übernimmt,
  • eine gewisse psychologische Flexibilität entwickelt
  • und vor allem: dass man aktiv wird und handelt.

Ich habe eine Weile darüber nachgedacht, was eigentlich das Gemeinsame dieser Punkte ist. Und kam darauf, dass diese sieben Beschreibungen das umfassen, was ich in meiner Arbeit mit dem Begriff „Erwachsen-Werden“ meine.

Wenn ich Zeitung lese oder fernsehe, fällt mir immer wieder auf, dass Erwachsensein keine leichte Sache zu sein scheint. Ich lese von einem Mann, der lügt und betrügt, bei öffentlichen Gelegenheiten unverschämte Äußerungen macht, mit mehreren jungen Mädchen rummacht. Bei dieser Beschreibung würde ich an einen schlecht erzogenen oder schwererziehbaren Jugendlichen denken. Doch der Betreffende ist 74 Jahre alt und italienischer Ministerpräsident.

Drei andere Beispiele:

Ein Großteil der Männer geht nicht zur Vorsorge. Ganz im Gegenteil zur Mehrheit der Frauen. Sind Männer gesünder? Natürlich nicht. Haben sie Angst davor? Natürlich nicht (sagen sie). Auf der anderen Seite bringen dieselben Männer ihr Auto auf den Monat genau zur Inspektion.

Bei einem Meeting kann man beobachten, dass die Mehrheit der Teilnehmer zur vereinbarten Uhrzeit anwesend ist. Aber es gibt immer ein paar, die zu spät kommen. Einige immer zwei, drei Minuten. Andere eine Viertelstunde. Zwei sitzen auch schon zehn Minuten vorher da. Fragt man die, die zu spät kommen, haben die immer gute Gründe. Das Interessante dabei ist, es sind immer dieselben, die um die gleiche Zeitspanne zu spät oder zu früh kommen. Die Leute sind also pünktlich unpünktlich.

Beim Essen in einer Gruppe in einem Restaurant passiert es immer wieder, dass dem einen oder anderen etwas am Essen nicht schmeckt. Untereinander wird ausgetauscht, dass am Salat zu viel Essig ist. Dass das Gemüse zerkocht ist. Oder das Schnitzel ziemlich zäh. Fast nie traut sich jemand, den Ober zu rufen und das Beanstandete zu melden. Ganz im Gegenteil. Fragt die Bedienung bei der Rechnung, ob alles recht gewesen sei, nicken die meisten freundlich. Auch die, die eine halbe Stunde vorher präzise sagen konnten, was ihnen nicht geschmeckt hat.

Warum ist es manchmal so schwer, erwachsen zu handeln?

Mit dem Verstand ist ja klar, dass in allen drei Beispielen die Sache ganz leicht zu ändern wäre. Je früher Sie von Ihrem zu hohen Blutdruck oder Cholesterinspiegel wissen, umso eher können Sie etwas dagegen tun. Was also steckt dahinter, wenn „erwachsene“ Männer wegen der Gesundheit ins Fitnessstudio gehen – aber den Weg zum Urologen scheuen?

Die Vereinbarung einer festen Uhrzeit für ein privates oder berufliches Treffen ist schlicht praktisch. Deswegen halten sich ja auch die meisten daran. Was also steckt dahinter, wenn „erwachsene“ Frauen und Männer drei oder fünfzehn Minuten Verspätung brauchen? Zumal diese andererseits ihr Flugzeug immer pünktlich erreichen.

Den Ober über die Qualität des Essens zu informieren, damit dieser es an die Küche weitergibt, ist eine kluge Sache. Wie sonst sollte sich die Qualität der Speisen verbessern? Im Internet geben ja mittlerweile auch viele Menschen ihr Feedback über Bücher, CDs usw. ab. Was steckt also dahinter, wenn dieselben Menschen, wenn sie sogar nach ihrer Meinung gefragt werden, diese unterdrücken und sogar das Gegenteil bekunden?

Meine Antwort: weil wir in diesen Momenten nicht wirklich erwachsen sind. Sondern unbewusst an eine unangenehme Erfahrung aus unserem Leben erinnert werden. Und unser Heil in genau diesen Verhaltensweisen suchen, die ich beschrieben habe. Die Angst vor dem Arztbesuch abspalten, uns nicht eingestehen und stattdessen in Optimismus machen. Zu spät kommen – aber eine gute Ausrede parat haben. Lieber zum Ober freundlich „Ja, hat geschmeckt“ sagen und hinterher zehn Freunden erzählen, wie schlecht das Essen in dem neu eröffneten Restaurant ist.

Unser Verhalten ist immer das beste – im Rahmen unserer Möglichkeiten

Dieser Grundsatz aus dem NLP hilft, wenn wir etwas verändern wollen. Denn wenn man etwas verändern will, muss man erst einmal herausfinden, warum man sich gerade so verhält. Die meisten wissen darauf keine Antwort. Oder werten sich gnadenlos ab oder halten einen langen Vortrag über die menschliche Natur und ihre Bedingtheit.

Doch die Kapitelüberschrift weist in eine vielversprechende Richtung. Denn sie besagt, dass jedes gezeigte Verhalten für uns das beste ist – weil uns andere Optionen nicht zur Verfügung stehen. Natürlich nicht das beste Verhalten, das man sich vorstellen kann. Zumindest theoretisch nicht. Aber im Leben zählt nur die Praxis.

Der perfektionistische Kundenbetreuer weiß genau, dass er das Angebot schon dreimal durchgelesen hat und es keinen Fehler enthält. Aber er schickt es dennoch nicht ab. Weil er es nochmal durchlesen will. Die nette Kollegin weiß vor lauter Arbeit nicht, wo ihr der Kopf steht. Als sie gefragt wird, ob sie noch diese Zusatzaufgabe übernehmen könnte, hat sie das „Nein“ schon auf der Zunge. Heraus kommt aber: „Klar, mach ich gern. Kein Problem.“

Warum verhalten wir uns manchmal so seltsam?

Bei der Verhaltensänderung gibt es zwei Arten von Problemen

Bei der ersten Art von Problemen besorgen Sie sich die notwendigen Informationen und fangen an, diese anzuwenden. Also angenommen, Sie wollen Klavier spielen können. Oder mal nach Südafrika fahren. Oder einen Halbmarathon laufen.

Die Vorgehensweise ist die gleiche. Informationen besorgen – und entsprechend handeln.

Bei der zweiten Art von Problemen funktioniert dieses Vorgehen nicht. Als Perfektionist lesen Sie etwas von der 80/20-Regel, finden die vernünftig – aber Sie können sie nicht anwenden. Sie merken, dass Sie schon sechs Stunden über einer PowerPoint-Präsentation von drei Minuten sitzen – und immer noch nicht zufrieden sind.

Bei dieser Art von Problemen kommt Ihnen etwas in die Quere. Sie wissen nur bis jetzt nicht, was das eigentlich ist. Zumal Sie sehen, dass die meisten Kollegen mit ihrem 80/20-Verhalten prima durchkommen. Es muss also etwas mit Ihnen zu tun haben. Was Ihnen in die Quere kommt, ist ein unbewusster Konflikt.

Ihr Problem ist die Lösung

Dieser seltsam klingende Satz bedeutet: „Ihr problematisches Verhalten ist deshalb so schwer zu ändern – weil es die Lösung ist.“ Natürlich nicht eine Lösung für die aktuelle Situation, sondern für einen inneren Konflikt.

Verstandesmäßig wissen Sie, wann Sie Ihren Schreibtisch verlassen müssen, um pünktlich im Meetingraum zu sein. Doch fünf Minuten davor öffnen Sie seltsamerweise noch mal Ihr Outlook, lesen ein paar Mails – und schwups! Kommen Sie drei Minuten zu spät.

Und das soll eine Lösung sein? Ja genau! Nicht für Ihr pünktliches Erscheinen zu der Besprechung. Da ernten Sie höchstens kritische Blicke oder müssen etwas in die Kaffeekasse zahlen. Ihr Zuspätkommen löst einen inneren Konflikt. Das Gemeine daran: Sie kennen den Konflikt gar nicht, um den es geht. Dass es da so etwas gibt, spüren Sie nur an Ihrem unguten Gefühl, wenn – nach Ihrer Einschätzung – die Präsentation nicht perfekt ist. Oder Sie Kaltakquise machen wollen und nach zwei Stunden feststellen, dass Sie keinen einzigen Anruf getätigt haben, weil Sie im Internet rumsurften.

Die meisten Menschen wissen nicht, dass sie unbewältigte Konflikte aus ihrer Kindheit und Jugend mit sich herumtragen. Und lehnen das auch vehement ab. Meist mit dem Argument „Etwas, was zwanzig oder vierzig Jahre her ist, kann doch unmöglich noch heute einen Einfluss auf mich haben“.

Trotzdem ist es so. In meinen Persönlichkeitsseminaren arbeite ich mit einer Methode, mit der man solchen unbewussten Konflikten auf die Spur kommen kann. Sie können es hier gleich mal ausprobieren. Sie brauchen dazu nur zweierlei: eine besondere Form der Aufmerksamkeit – und einen entsprechenden Satz.

Die besondere Form der Aufmerksamkeit ist der Zustand der Achtsamkeit. Denn im Alltagsbewusstsein, wo die Aufmerksamkeit nach außen gerichtet und mehr mit dem Denken verbunden ist, funktioniert das nicht.

Achtsamkeit geht ganz einfach. Sie setzen sich an einen ruhigen Platz und schließen die Augen. Dann richten Sie Ihre Aufmerksamkeit auf Ihren Körper, auf Ihre Gefühle und auf Ihre Gedanken. Wichtig dabei ist, dass Sie einfach alles nur wahrnehmen. Sie brauchen nichts zu verändern, nichts zu erklären, nichts zu bewerten.

Also, Sie bemerken vielleicht einen Druck im Kopf, fühlen sich ein bisschen nervös, haben einen Gedanken bezüglich der Arbeit … Sie nehmen all das einfach wahr. Nach einer Weile werden Sie vermutlich etwas ruhiger.

Und jetzt kommt die Sache mit dem Satz. Damit können Sie innere Konflikte zu bestimmten Themen bei sich identifizieren. Die Sätze sind immer positiv formuliert. Was nicht heißt, dass Sie sie auch positiv erleben. Es geht folgendermaßen:

  • Sie lesen den Satz, schließen dann Ihre Augen und sagen dann den Satz laut vor sich hin.
  • Dabei achten Sie bitte auf Ihre inneren Reaktionen. Sie sollen also nicht über den Satz nachdenken, sondern ganz passiv dasitzen und abwarten, welche inneren Reaktionen Sie wahrnehmen können.
  • Vielleicht etwas im Körper: Irgendwo spannt sich was an oder entspannt sich. Oder Sie nehmen ein Gefühl wahr, eine Freude, etwas Ärger, oder Traurigkeit oder Leere. Oder Sie beobachten einen zustimmenden Gedanken oder einen ablehnenden oder skeptischen Gedanken.
  • Es gibt keine richtige oder falsche Reaktion. Jede Reaktion ist willkommen. Und mit Reaktion ist das gemeint, was Sie in den ersten fünf, sechs Sekunden wahrnehmen, nachdem Sie den Satz gesagt haben.

Jetzt können Sie das Ganze mal ausprobieren. Hier sind ein paar Sätze, von denen die meisten Reaktionen bei Menschen auslösen.

  • Ich bin liebenswert so, wie ich bin.
  • Alle meine Gefühle sind in Ordnung.
  • Ich darf auch mal Fehler machen.
  • Ich muss es nicht allen recht machen.
  • Ich muss nichts mehr beweisen.
  • Ich darf nein sagen.
  • Mein Leben gehört mir.

Haben Sie Reaktionen wahrgenommen? Eine Anspannung oder Erleichterung? Eine zustimmende oder skeptische Stimme? Ein Gefühl? Was bedeuten diese Reaktionen?

Wenn Sie achtsam waren und eine neutrale Reaktion erlebten, heißt das vermutlich, dass Sie zu diesem Thema keinen inneren Konflikt haben. Doch bei dem einen oder anderen Satz werden Sie entweder eine starke positive Reaktion oder auch eine ablehnende, unangenehme Empfindung erlebt haben. Dann sind Sie vermutlich einem inneren Konflikt auf der Spur.

Denn die Sätze sind ja sehr allgemein gehalten und sie sind positiv. Und Sie sagen sie ja zu sich selbst. Wenn Sie dann einen Widerstand in sich spüren, ist deutlich, dass dies was mit Ihnen zu tun haben muss. Vermutlich haben Sie eine andere „Landkarte“ zu diesem Thema gespeichert. Denn ein Großteil unseres Erlebens ist über Erlebnisse und Beziehungserfahrungen in uns gespeichert.

Und was hat das alles mit Erwachsensein zu tun?

Zusätzlich zu den Punkten zu Beginn dieses Artikels finde ich, dass Erwachsensein sich auch dadurch zeigt, dass man seine größten „Knackpunkte“ kennt. Also jene inneren Knöpfe, die andere Menschen bei uns drücken können.

Manche Menschen reagieren beispielsweise auf Kritik unangemessen heftig. Sie streiten alles ab, sind tief gekränkt, schlagen verbal zurück oder entschuldigen sich unterwürfig. Auch hier kann man annehmen, dass hinter dem jeweiligen Reaktionsverhalten, das der andere ja als deplatziert erlebt, ein innerer Konflikt steckt.

Das Problemverhalten (abstreiten, gekränkt sein, zurückschlagen usw.) ist die Lösung. Natürlich nicht für die aktuelle Situation. Sondern für denjenigen, der es emotional nicht zulassen kann, dass er einen Fehler gemacht hat.

Probiert derjenige nun einen positiven Satz aus nach dem Muster …

„Ich bin nicht vollkommen.“

„Ich brauche nicht perfekt zu sein.“

„Ich darf Fehler zugeben.“

… dann wird er in der Achtsamkeit voraussichtlich keine neutrale Reaktion erleben, sondern einen Widerstand. Will man solche inneren Konflikte genauer kennenlernen und bearbeiten, hilft einem wieder die Achtsamkeit. Ohne angestrengt nachzudenken, kann man innerlich schauen, was einem dazu einfällt.

Oft ist es eine Erinnerung aus der Kindheit oder Jugend, die dazu passt. Und in der man erfahren hat, dass Fehler oder Nicht-perfekt-Sein unangenehme Folgen hatte und in der man „beschlossen“ hat, sich nie wieder eine Blöße zu geben.

Ach, zu dem Artikelthema passend können Sie ja noch ausprobieren, ob Sie erwachsen sind. Sie wissen ja jetzt, wie es geht. Experimentieren Sie mal mit den folgenden Sätzen:

  • „Ich bin erwachsen.“
  • „Ich bin ein erwachsener Mann/eine erwachsene Frau.“
  • „Mein Leben gehört mir.“

Woran erkennen Sie wirklich, ob Sie erwachsen sind?

Ich will hier keine allgemeingültige Definition bringen, denn es gibt viele Anzeichen. Ein paar fand ich in einem Forum 😉

Sieben Anzeichen, dass Sie wirklich erwachsen sind:

1. All Ihre Hauspflanzen leben und Sie rauchen keine davon.

2. Sie stehen um 06:00 Uhr auf anstatt ins Bett zu gehen.

3. Sie hören regelmäßig den Wetterbericht.

4. Sie wissen nicht, wann McDonald’s zumacht.

5. Sie füttern Ihre Katze mit richtigem Katzenfutter.

6. Eine Flasche Wein für 4 EUR ist kein „ziemlich gutes Zeug“ mehr.

7. Neunzig Prozent Ihrer Zeit, die Sie vor dem Computer verbringen, ist für Ihren Beruf.

Oder woran merken Sie, dass Sie erwachsen sind?

Falls Sie zu dem Beitrag eine Frage haben, schreiben Sie sie hier als Kommentar. Ich antworte Ihnen gern.

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